Zahl der Bewohner steigt an

Serie „Geschichte und Geschichten der Insel Helgoland“ von OTTO-ERWIN HORNSMANN1

Anlandung am Südstrand (Symbolbild).Grafik: Museum Helgoland

Anlandung am Südstrand (Symbolbild).
Grafik: Museum Helgoland

Es begann die Zeit, aus der noch viele Urkunden und Dokumente in den verschiedenen Archiven vorhanden sind. Für eine kleine Insel wie Helgoland höchst beachtenswert, wenn man dazu noch die geringe Zahl der Bewoh­ner berücksichtigt.

Im Jahre 1550 hat die Insel nach Angaben seines Commendanten Bruck nur etwa 300 Einwohner gehabt. Im Jahre 1615 ist Helgoland gar so schlecht bewohnt gewesen und hat die Zahl mit Frauen und Kindern nicht über 200 Personen ausmachen können. (hier soll die Pest entsetzlich gewütet haben).

Peter Sax schließt seine „Beschreibung des Helgolandes“ im Jahre 1638:

Nach dieser Zeit (1559) hat sich Helgoland an Nahrung und Weite fast verringert, als dass dasselbe Land sich aber an Volk und Bewohnern etwas vermehret und selbige von ihren Nachbarn, die Cabbelau und andere frische und gesalzene Fische zu verführen lehreten und auch von der hohen Obrigkeit unterthänig erhielten, dass sie um gebührende Zölle, die Hummern allein fischen und verführen möchten, sind die Einwohner dadurch gewaltig herfür gekommen und haben an Nahrung und Volk von Tag zu Tag zugenommen.

Er hat aber leider nicht hinterlassen, wie hoch die Einwohnerzahl 1638 war. Es steht jedoch fest, dass am Ende der Jahrhunderts bereits etwa 1.000 Menschen hier gewohnt haben, denn die „Ordinari Schatzung“ des Jahres 1680 enthält die Namen von 200 Steuerpflichtigen und eine Volkszählung im Jahre 1696 ergab 221 Männer über 16 Jahre und 739 Frauen und Kinder. Wie kümmerlich und armselig sich selbst die „feinen Leute“ hier zu der Zeit durchschlagen mussten, darüber erzählt die Bolzendahl´sche Chronik:

1615 Der fürstl. Kapitän und Vogt Thomas Schwarzrock hat auch nur an Salarium (Gehalt) genossen 100 Rtl. , welche ihm in einer geführten Rechnung in der Ausgabe gutgethan wurden. Seine Frau hat Bier, Wein und Branntwein auch Meht nebst anderen Waren in Kauff gehabt, wovon er ebenfalls die accies (Steuern) in Verrechnung geführet. Itzige Zeit haben die Frau Capitän und die Pastorin Pfauenfedern auf´m Haubt getragen, worüber die Frauen als die Männer wegen den Vorrang in großen Streit gerathen.

Dass die Zahl der Bewohner anstieg, geht auch daraus hervor, dass eine erst 1609 gebaute Kirche wenige Jahrzehnte danach bereits zu klein war, wie aus einem „Commissions-Beschluß von 1652“ hervorgeht und man eine neue Kirche bauen musste. Hier ist nun amüsant zu lesen, dass man schon damals schmieren musste, denn unter „Bauausgaben“ findet man auch Beträge für Hummer und Schnepfen für einflussreiche Leute auf dem Festlande.
Dieser Aufschwung Helgolands im 17. Jahrhundert hat sicher folgende Gründe:

Von 1618 bis 1648 hatte in den deutschen Landen der unmenschlich grausame 30-jährige Krieg gewütet. Helgoland wurde hiervon nicht berührt, aber auf der Insel Amrum sind Schweden eingefallen und „haben allda Brandschatzung gehabt“.

Der große Nachholbedarf nach dem langen Kriegsgeschehen ließ auf dem Festland den Handel und damit die Schifffahrt anwachsen. Es wurde daher viel Geld von den Helgoländer Lotsen ins Land gebracht:

  • Es gab 1685 bei der Einführung des Lotsenexamens bereits 96 geprüfte Lotsen für das schwierige Elbe- und Weserfahrwasser.
  • Die Helgoländer hatten außerdem gelernt – wie Peter Sax berichtet hatte – dass man Fische nicht nur für den Eigenbedarf fangen kann.
  • Sie fingen dazu viele Hummer – im Jahre 1615 wird eine Zahl von 36.900 Stück genannt – und führten sie nach England und Hamburg aus.
  • Es gab eine ertragreiche Austernbank östlich der Düne und an der Düne wurden die Kalkfelsen fleißig abgebaut und verkauft.

Helgoländer fuhren als Kapitäne und Steuerleute auf Kauffahrteischiffen in alle Welt, beteiligten sich am Walfang und gingen mit eigenen Schiffen zum Robbenschlagen ins Nordmeer. Aber es waren alles gefährliche und risikoreiche Berufe, und die Zahlen der Witwen sprechen für sich. 1680 waren von 200 Steuerpflichtigen allein 42 Witwen und man zählte 1696 sogar 93 Witwen. (wird fortgesetzt)

(Gestaltung: Andreas Bubrowski)

  1. aus: Otto-Erwin Hornsmann, Geschichte und Geschichten der Insel Helgoland, Museum Helgoland, 2006, mit freundlicher Genehmigung des Autors

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