Lockerer Lebenswandel der Helgoländerinnen?

Serie „Geschichte und Geschichten der Insel Helgoland“
von OTTO-ERWIN HORNSMANN1

Kirchgang von Männern und Frauen, jung und alt, also alles sehr sittsam. Grafik: Museum Helgoland

Kirchgang von Männern und Frauen, jung und alt, also alles sehr sittsam. Grafik: Museum Helgoland

Der Herr Böttcher kam dann zu dem Frauen-Volk und damit auch zu einem Thema, das spätere Schriftsteller immer nur schamhaft und vage mit „lockerem Lebenswandel“ der Helgoländerinnen umschrieben hatten.

Miteinander korteln

Hier, meine ich, muss man den Zeigefinger hochheben und darauf hinweisen, dass man vor rund 300 Jahren auch woanders eine andere Lebensart hatte, derber und natürlicher. Sehen wir uns doch die saftigen Bilder der Bruegels an, oder lesen wir, was die Liselotte von der Pfalz von den Sitten – oder besser gesagt, Unsitten – am französischen Hof geschrieben hatte. Wir wollen auch nicht vergessen, dass es noch heute in einigen deutschen Landen Brauch ist, erst zu heiraten, wenn feststeht, dass Nachwuchs zu erwarten, ja manchmal sogar erst dann, wenn ein Hoferbe auf der Welt ist. Alle Friesen, nicht nur die Helgoländer billigten ihren Mädchen freiere Sitten zu, nicht aber ihren Frauen!

„In ihren Bekleidungen verhalten sie sich noch wie es die Alten getragen haben, insonderheit das Frauen-Volk. Wann sie in ihrem Schmuck, tragen sie große weite Röcke von violett Laken, dazu einen Gürtel welcher mit Silber beschlagen und mit Steinen besetzt von allerhand Farben, so sie Kortelband nennen und wenn dieser losgemacht, sind die Röcke groß und weit genug, dass sie darin korteln können. Auf dem Haubt tragen sie weisse Hauben, woran zu beyden Seiten große weite Flügel gemacht. Vor der Stirn haben sie ein mit allerhand Corallen besetztes Tuch. Die tägliche Kleidung aber ist roth, sie tragen fast keine anderen Farben. Wann sie nicht arbeiten und nur ausgehen, haben sie ihre Röcke umb die Köpfe.

Diejenigen jungen Leute, so des Sonntags nicht zur Kirche gehen, bemühen sich mit den Mägden zu courtoisiren, welches in ihrer Sprache korteln heisst und etwa auf diese Art geschieht: Sie kriechen mitein(ander) auff der Klippe ins Korn oder unten in die Sanddühnen, legen sich Paar bey Paar voneinander, und versteckt sich ein Mannspersohn unter den dünnen weiten Oberrock, dass nicht als die Füsse zu sehen. Das Frauenzimmer bedeckt zwar ihr Angesicht, lässt sich aber doch wohl erkennen. Es ist auch nicht zu verwundern, dass, obgleich sich ein Paar Miteinander gekortelt, es wieder changieret, bis ein dritter Mann endlich dazu kommt und die Famel in die Wochen verlanget, alsdann hat das Korteln ein Ende und wird dem Korteler die Treppe verbothen, bis er sich mit seinem Kortel-Famel copuliren lässt (d.h. er durfte bis zur Heirat nicht mehr auf See).

Dies ist eine hergebrachte Gewohnheit und hat der Prediger keine Macht, solches zu hindern, auch werden sie durch die Strafen, die darauf gesetzet, nicht gestört, sondern zahlen sie vielmehr willig ab und sind einander behilflich, umb das alte Herkommen beyzubehalten“.

Hierher passte nun ausgezeichnet ein Gerichtsurteil, das der Landvogt und die beiden Helgoländer Ratmänner Jasper Jacob Nummels und Bonke Hayckens am 3. Dezember 1683 gefällt hatten, denn es zeugte doch von einer hohen Moral. Ausserdem aber ist bemerkenswert, mit welcher Gründlichkeit die einzelnen Anklagepunkte untersucht wurden und man sich die Urteilsfindung nicht leicht machte:

„Es wird vor Recht erkannt:

  1. weil die Schimpfworte durch Zeugen des Klägers nicht bewiesen wurden, soll die Klage deswegen wegfallen.
  2. wegen der tätlichen Beleidigung aber soll der Geffreyt Detlef Erich, weil ihm als einem Ehemann nicht geziemt, fremden Jungfrauen oder ehrliebenden Frauenvolke Ungebühr zuzumuten, er aber Klägerin Tochter nach dem Schurtztuch gegriffen, deshalb seiner halben Monatsgage verlustig sein.
  3. Klägerin aber wegen der von ihrem Manne gegen den Beklagten ausgestoßenen Scheltworte die Gerichts-Unkosten allein tragen soll.“

(Gestaltung: Andreas Bubrowski)

  1. aus: Otto-Erwin Hornsmann, Geschichte und Geschichten der Insel Helgoland, Museum Helgoland, 2006, mit freundlicher Genehmigung des Autors

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