Helgoland ist frei – Neubeginn mit der Hummerfischerei

Serie von Erich-Nummel Krüss zum 60. Jahrestag der Freigabe Helgolands1

Nach unserer Evakuierung am 20./21.April 1945 fanden wir zunächst Unterschlupf bei einer älteren Dame in Esingen bei Tornesch, Kreis Pinneberg, aber schon im Oktober bekamen wir, das heißt meine Eltern und ich, Quartier bei Verwandten meiner Mutter in Otterndorf/NE. Nun waren wir schon wieder etwas näher an der Nordsee und an Helgoland heran. Für meinen Vater war das das Wichtigste überhaupt.

Der Autor erklärt im Museum Helgoland die Funtionsweise eines Hummerkorbes. (*)

Unser Helgoländer Boot, die Eta Elisabeth, hatte den Angriff am 18. April 1945 einigermaßen heil überstanden. Es wurde auf der Werft Sietas in Kranz überholt und mit einer Kajüte versehen, so dass mein Vater, Harlich Krüß und sein Neffe, mein Cousin Richard Hornsmann, wieder daran denken konnten, für den Lebensunterhalt ihrer Familien zu sorgen und fischen wollten. Vor allen Dingen Hummerfischen in der Nähe der Insel.

Leinen und Korken aus alten Wehrmachtsbeständen

In jenen Tagen hieß Lebensunterhalt: zu wissen, dass man am nächsten Tag etwas zum Essen, etwas Anzuziehen und eine halbwegs warme Unterkunft hatte, nachdem der Krieg und dazu noch die Heimat samt Hab und Gut verloren war. Damals war es nicht leicht, Fischereigeräte zu beschaffen, aber es gelang ihnen schon 1946, 50 Hummerkörbe bei der Firma Steen in Elmshorn zu bekommen. Irgendwie gab es auch Leinen und Korken aus alten Wehrmachtsbeständen und ein Netz für die Schleppnetzfischerei wurde ihnen von den Behörden überlassen. So konnte im Frühjahr 1946 schon wieder auf die Nordsee gefahren werden. Es musste aber den Behörden gegenüber der Nachweis erbracht werden, dass man auch die Fänge ablieferte, sonst gab es weder Proviantbuch (welches an Bord die Lebensmittelkarten ersetzte ) noch Treibstoff für den Motor.

1946 war ich Schüler auf der Johann-Heinrich-Voß-Mittelschule in Otterndorf, aber in den großen Ferien durfte ich schon das erste Mal mit zum Fischen hinausfahren. Da zu dem Zeitpunkt Schonzeit für den Hummer war, fuhren wir Makrelenangeln rund um Helgoland, und zum ersten Mal sah ich im Sommer 1946 unsere zerstörte Insel wieder. Wir liefen auch in den Binnenhafen ein, der ja, weil die Sprengung erst 1947 erfolgte, noch befahrbar war. Wir haben uns aber nicht weiter an Land getraut, da ja ein Verbot zum Betreten der Insel bestand und machten nur an der zerstörten Pier ein bißchen Kleinholz zum Feueranzünden unseres Herdes.

Das gewaltige Donnern des „Big Bang“ – sehr deprimierend

Am 18. April 1947 stand unsere ganze Familie auf dem Elbdeich an der Otterndorfer Schleuse und sah nach Nordwesten, wo unsere Heimat lag und wir hörten und spürten das gewaltige Donnern des „Big Bang“, der größten nichtnuklearen Sprengung der Geschichte, die unsere Insel deformierte und sie unbewohnbar machen sollte. Es war sehr deprimierend.

Neubeginn mit dem Helgoländer Boot „Eta Elisabeth“, originalgetreuer Nachbau, Museum Helgoland. (*)

Im Mai 1947 durfte ich noch vor der mittleren Reife die Schule verlassen. Ich hatte mich entschlossen, Fischer zu werden, wie mein Vater, nur mit dem Ergebnis, dass ich nie seine Fischer-Qualität erreichen sollte. Aber das wusste ich damals noch nicht. Kurz nach Pfingsten fuhren wir mit unserem kleinen Helgoländer Boot zu dritt nach Sylt, um von Hörnum aus zwischen den großen Dänischen, Büsumer und Finkenwärder Kuttern auf der Amrum Bank mit dem Schleppnetz Schollen zu fischen. Für ein offenes Boot eine lange Strecke, für die man, je nach Wetterlage, 8 bis 10 Stunden benötigte. (wird fortgesetzt)

(*) Bild: Andreas Bubrowski

  1. am 1. März 1952

Artikel zur Serie

  1. Helgoland ist frei – Neubeginn mit der Hummerfischerei (22.02.2012)
  2. Leben und Überleben Dank Hummerfischerei vor Helgoland (27.02.2012)
  3. Helgoländer Hummer gegen dänische Kronen (04.03.2012)
  4. Für Helgoländer Fischer kehrte 1948 bis 1950 der Krieg kurzzeitig zurück (09.04.2012)
  5. 1. März 1952 - Helgoland ist endlich frei! Ein beispielloser Wiederaufbau beginnt (20.05.2012)

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