Helgoland in grauer Vorzeit – so könnte es gewesen sein

Von OTTO-ERWIN HORNSMANN1

Mein Lexikon weiß wenig zu berichten. Es sagt, dass die Friesen ein germanischer Volksstamm an der Nordsee waren, deren Urheimat Jütland war. Der römische Geschichts­schreiber Tacitus hat uns überliefert, dass in der Zeit der Völkerwanderung, so um 120 vor Christi Geburt, die Cimbern und Teutonen und dazu die Ambronen ihre Heimat, die cimbrische Halbinsel – wie man damals Jütland und Schleswig-Holstein nannte – verließen und mit all ihrer Habe südwärts zogen. Man vermutet, dass die Ambronen etwa im Raum des heutigen Nordfries­land bis südlich der Eider ihre Wohnsitze hatten.

Historische Karte von Helgoland. Abb. Museum Helgoland

Historische Karte von Helgoland. Abb. Museum Helgoland

Von den Cimbern und Teutonen weiß man, dass sie nach mehreren siegrei­chen Schlachten (furor teutonicus) von den Römern 102 und 101 v. Chr. vernichtend geschlagen wurden. Über den Verbleib der Ambronen dagegen ist nichts Genaues bekannt. Die Forscher nehmen an, dass diese, oder wenigstens ein Teil von ihnen, an der Nordseeküste entlang zogen, bis sie im heutigen Ost- und Westfriesland ein Gebiet fanden, wo sie fast die gleichen Lebensbedingungen vorfanden, die sie gewohnt waren. Sie wurden die Friesen, blieben Bauern, Fischer und Seefahrer, sie besetzten die vorgela­gerten Inseln und lernten deichen, um ihr Land zu erweitern.

Heiden mit ihren eigenen Göttern

Und sie blieben Heiden mit ihren eigenen Göttern und erschlugen 754 den „Apostel der Deutschen“ Bonifacius in Dokkum an der Unterweser, als dieser sich vermaß, ihnen die frohe Botschaft des Heilands zu überbringen, und erstmals eine – ihnen heilige – Eiche umlegte. Erst Karl der Große zwang sie zum Christentum und drängte ihren Lebensraum beträchtlich ein. Viele von ihnen wollten sich nicht der königlichen Gewalt unterwerfen, darum zogen sie in die Uthlande, in das Gebiet, von dem heute nur noch die nordfriesischen Inseln geblieben sind. Vielleicht ließ eine dumpfe Ahnung ihrer Herkunft nach sie eine dieser Inseln Ambrom (Amrum) nennen. Diese – sozusagen heimgekehrten – Friesen breiteten sich auf dem Festland aus; Nordfriesland entstand. So könnte es gewesen sein! (wird fortgesetzt)

  1. aus: Otto-Erwin Hornsmann, Geschichte und Geschichten der Insel Helgoland, Museum Helgoland, 2006, mit freundlicher Genehmigung des Autors

Artikel zur Serie

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  3. Heringsmengen ändern alles (31.08.2013)
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  6. Raue Zeiten und raue Sitten (08.06.2014)
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  16. Beginn der dänischen Epoche Helgolands (13.09.2016)
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  19. Bruch eines Eheversprechens: Zweyhundert Mark (19.02.2017)
  20. Dänischen Epoche Helgolands: Gebräuche und Sitten (14.04.2017)
  21. Die letzten Jahrzehnte der dänischen Periode Helgolands (27.06.2017)

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