Die letzten Jahrzehnte der dänischen Periode Helgolands

Serie „Geschichte und Geschichten der Insel Helgoland“ von OTTO-ERWIN HORNSMANN1

Unterland mit Blick auf die Düne. Grafik: Förderverein Museum Helgoland

Ja, mit den Helgoländern ging es langsam bergauf in der dänischen Epoche von 1714 bis 1807. Bereits um 1750 war die Zahl der Einwohner von 1’000 am Ende der schleswig´schen Zeit auf 2’000 angewachsen; und diese Zahl blieb dann auch in den nächsten 150 Jahren ziemlich konstant. Es stellte sich ein gewisser Wohlstand ein, der aber, gemessen am Festland, doch recht bescheiden war. Wie überall auf der Welt hatten auch hier nicht alle Einwohner den gleichen Anteil an dem Fortschritt.

Bevölkerung in drei Klassen eingeteilt

Aus einer Steuerliste des Jahres 1768 über eine Sondersteuer von vier Schilling für jede Person über 12 Jahre geht hervor, dass man die Bevölkerung hier in drei Klassen einteilte:

  1. in Vermögende (215)
  2. in Mittelmäßige (684)
  3. und in Arme (135)

Und hier mussten nun die Vermögenden für die Armen mit bezahlen, das war ein kleiner Ausgleich. Am 16. Juni 1752 vermerkte der Pfarrer Dreßler:

„Die Frauensleute gehen hier alle mit rothen Röcken, die sie insbesondere anziehen wann sie ausgehen über den Kopf, auch wohl welche mit einer Schürze. Die meisten Häuser sind mit Reet gedeckt, einige mit Pfannen, auf Helgoland sind 400 Feuerstellen, es gibt noch 32 bis 34 Kühe, 28 Soldaten sind vorhanden, es wächst nur Gerste und Hafer, Pferde sind gar nicht, dahero die Frauen das Land umgraben und pflügen“.

An besonderen Begebenheiten hat die Chronik aus dieser Zeit festgehalten:

27.12.1740 – Die Kirche hatte keine Uhr, darum wurde von jetzt an die Glocke am Wachthause dazu benutzt, die richtige Zeit anzugeben. Angeschlagen wurde sie morgens um 7 Uhr (im Winter um 8) als Beginn der Schularbeit, um 11 Uhr für die Beendigung, um 1 Uhr zum Beginn, um 4 Uhr zur Beendigung der Nachmittagsschule.

Jacobi 1740 brannten zur Nachtzeit die Häuser von Hinrich Brand, Jacob Peter Franz und Carsten Stolt ab. Das Mobiliar wurde gerettet, aber eine alte Frau verunglückte tödlich.

1765 wurde mit dem Bau der neuen Treppe begonnen. Nach dem Kostenanschlag sollte sie 1’458 Taler kosten, aber es wurden dann 2’000 Taler, von denen die Gemeinde ursprünglich die Hälfte zahlen sollte, zuletzt aber die Regierung die ganze Summe übernahm.

Hierbei ging es nun sehr modern zu. Nicht nur, dass der Kostenvoranschlag erheblich überschritten wurde, es wurde dabei sogar gestreikt! Zwei zur Bürrarbeit eingeteilte Bürger forderten, dass auch Landvogt, Pastor und Ratmänner sich daran beteiligten müssten und gingen nach Haus. Die beiden wurden zu 5 Reichsthatern Strafe „wegen ihrer gezeigten Wiederspenstigkeit und gemachten Aufruhrs“ verurteilt und „ermahnet, sich ins Künftige friedlich zu zeigen und sogleich – ohne einigen Widerstand – bey der Arbeit zu gehen, andernfalls das Gericht solcherhalbe zu anderen Messures sich genöthigt sehen würde.“

1777 wurde von den Pastoren ein Kircheninventarium aufgestellt. Hiernach ist bei den Wohnungen noch wenig Komfort vorhanden. Über die Wohnung des Untermeisters im Schulhaus hieß es, sie enthalte eine große Vordiele, eine Stube mit einem Ofen, ohne Bettstelle, und eine Küche. An Mobilien nur eine Leiter. „Ausser der Dachrinne allda weiter keine Bequemlichkeiten“.

Aus dem Kirchenbuch

Das unberechenbare Meer forderte immer wieder Opfer, wie ein Blick in das Kirchenbuch aus einem Jahrzehnt zeigt:

25.11.1771 „sind 9 Fischer, darunter 5 verheiratete, von einem heftigen Sturm und Schneegestöber überfallen worden und im Wasser umgekommen.

12.2.1772 sind mit der hiesigen Schnigge des Schiffers Claus Cruse 26 Personen ertrunken. Es waren fast alles Lotsen, die von Cuxhaven zu Hause reisen wollten. Durch den vorbemeldeten Unglücksfall sind worden 24 Witwen und 63 Waisen.

20.8.1773 ist mit einer Chaloupe umgekommen Trientje Peter Pauls und der Sohn Hinrich, 13Jahre.

7.12.1775 ist unweit Sylt auf der Reise nach London verunglückt Hans Jasper Beuling, 38 Jahre, verheiratet.

20.7.1777 fiel Rickmer Jaspers, 17 Jahre alt, auf der Rückreise von Bordeaux über Bord.

31.8.1777 hatten Jacob Michel Friedrichs, 45 Jahre verh. und Michel Jacob Broders, 20 Jahre, ledig, das Unglück bey der Düne, da im heftigen Sturm die Jolle unter ihnen versunken, ihr Leben im Wasser zu verlieren.

14.4.1778 sind 3 Mann, 2 verheiratete und 1 lediger, auf der Reise nach Tönningen verunglückt.

2.9.1779 verunglückte beym Humber-Netzenholen Hans Hansen Broders, 59 Jahre verh., mit seinem Sohn Andres Paul Broders, ledig, 21 Jahre und dazu Peter Hornsmann, 13 Jahre alt.

22.12.1779 sind mit der Chaloupe beym Fischen verunglückt 5 Helgoländer, darunter 4 Ehemänner“.

Kindersterblichkeit

Das Sterberegister berichtet aber auch von Blattern und Frieseln, die insbesondere Kinder dahinrafften. Der Herr Pastor vermerkte am etwa am 10.10.1768: „In diesem Monate haben die Blattern oder Kinderpocken stark grassiert wovon dann viele gestorben sind“. Es waren im Oktober 27 Kinder, im November 69 Kinder im Dezember 19 Kinder. 1801 – von Januar bis April sind 40 Kinder an Frieseln gestorben.

Die Kindersterblichkeit ist überhaupt erschreckend hoch gewesen, ebenso die Zahl der Totgeburten und dazu die große Zahl der Mütter, die in
„Kindsnöten“ starben. Es gab hier zwar einen Barbier und „Chirurgen“, dazu meistens noch einen Garnisons-Chirurgus, ebenfalls war eine
ausgebildete Hebamme vorhanden, aber alle diese konnten mit ihrem primitiven Wissen bei dem damaligen Stand der Medizin nicht viel helfen. Für die Kindersterblichkeit mögen 3 Eintragungen sprechen:

4.3.1767 „ist gestorben Peerke, Carsten Erich Stolts Witwe. Sie hinterlässt 2 Söhne und 2 Töchter und über dieses von 27 Kindes-Kindern noch 12 dazu von 48 Kindes-Kindes-Kindern noch 28!

24.7.1793 Starb Antje Peters Matzen, 74 Jahre alt, sie hatte 5 Söhne und 3 Töchter von denen 1 Sohn und 2 Töchter noch am Leben. Sie hat 20 Kindes-Kinder im Leben gesehen, von denen sind nur noch 11 am Leben und 2 von den Kinds-Kinds-Kindern.

1.12.1801 ist Daniel Haamkens, 78 Jahre alt, gestorben. Er war Lotsenschreiber und vordem 2. Lehrer an der Schule. Er hat 54 Jahre im Ehestande gelebt. Von 10 Kindern leben noch 5. Von 27 Kindes-Kindern, die er gesehen, sind noch 12 am Leben“.

Ungewöhnliche Gebräuche

Die besonderen Lebensbedingungen auf der Insel hatten manche ungewöhnliche Gebräuche zur Folge, wie das Leben des Erich Hansen Hornsmann zeigt. Er heiratete im Alter von 23 Jahren am 18.11.1763 Maria Detlefs. 1764 wurde ein Sohn Rickmer Jacob geboren und 1768 ein Sohn Detlef, der aber nur 4 Wochen alt wurde. Die Mutter starb am 10.11.1768 und bereits am 26.12. des Jahres heiratete Erich Hansen Hornsmann, die Witwe Catharina Harders, geb. Möller. 1769 wurde eine Tochter Maria geboren, die nach 4 Tagen starb, dann kam ein Sohn Harder 1770, der nur einen Tag lebte, dann 1771 wieder eine Tochter Maria, die nach 4 Wochen starb; es folgten 1772 Harder, 1774 Andreas Hans und 1778 ein Sohn Hans, der nur ein Alter von einem halben Jahr erreichte. Die zweite Frau starb am 30.11.1781. Schon 4 Wochen später nahm er Catharina Ohl Erichs zur Frau und sie bekamen 1782 einen Sohn Hans, 1784 eine Tochter Maria, die nach einem halben Jahr starb, eine Tochter Mieke 1785 und einen Sohn Erich 1789. Die dritte Frau starb am 1.3.1790; schon nach 4 Tagen heiratete er Tina Kliffmann, von der er dann 1791 eine Antje und 1795 eine Catharina bekam. Am 22.9.1796 wurde Erich Hansen Hornsmann mit seiner Schaluppe vor der Elbe „von einem Schiff übersegelt“ und ertrank. Die jüngste Tochter Catharina starb 4 Wochen nach ihrem Vater und am 3.11.1796 wurde dann noch eine Tochter geboren, die wieder den Namen Catharina erhielt.

Aus diesem Lebenslauf ist bemerkenswert, dass es ein „Trauerjahr“ für die Männer nicht gab, sondern geheiratet wurde sofort wieder, wohl, um die Kinder zu versorgen. Bei der Namensgebung fällt auf, dass man den Kindern gern den Namen eines verstorbenen Kindes gab, in diesem Fall 4 mal Maria, 2 mal Hans, 2 mal Catharina und 2 mal Harder. Es ist möglich, dass unbedingt jemand mit diesem Namen geehrt werden sollte, wahrscheinlicher ist aber wohl, dass man die Erinnerung an ein verstorbenes Kind damit auslöschen wollte. (Fortsetzung folgt)

(Gestaltung: Andreas Bubrowski)

  1. aus: Otto-Erwin Hornsmann, Geschichte und Geschichten der Insel Helgoland, Museum Helgoland, 2006, mit freundlicher Genehmigung des Autors

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