Dänischen Epoche Helgolands: Gebräuche und Sitten

Serie „Geschichte und Geschichten der Insel Helgoland“ von OTTO-ERWIN HORNSMANN1

Zeitgenössischer Blick auf die Reede von Helgoland. Grafik: Förderverein Museum Helgoland

Überlieferte Handschriften aus der Dänischen Epoche von Helgoland (1714-1807) vermitteln einen Eindruck der zu dieser Zeit auf der Insel üblichen Gebräuche und Sitten.

„Bräutigam und Braut freyen 3 Tage“

In der Kieler Universitäts-Bücherei wird eine Handschrift vom 10. Juli 1734 aufbewahrt:

„Einige alte Gewohnheiten, die auf Heiligland angenommen und fast für eine Gerechtigkeit bißher gehalten worden, sind unter anderen folgende:

  • Wenn sie einander auf der See in Aus- oder Heimfahrt begegnen und den Hut um den Kopf gehen lassen, ist es eine Begrüßung oder Losung, dass es zu Hause noch wohl stehe.
  • Bräutigam und Braut freyen 3 Tage in der Wochen und kommen zusammen als Mittwoch, Sonnabend und auch Sonntags abends, falls der Bräutigam zu Hause ist.
  • Wenn jemand Fremdes der Zeit bei ihnen einspricht, muss der Bräutigam wo er vermögens ist, eine Kanne Wein spendieren. Mittelmäßige und Arme geben Meth, Branntwein oder gut Bier zum Besten.
  • Des Sonntags Nachmittags im Sommer spatzieren Braut und Bräutigam auf dem Felde bey den Äckern oder in der Sanddüne allwo sie ihre Gewohnheit von Alters her das Kurtteln verrichten, wiewohl solcher Gebrauch jetzt meistens abgestellt worden.
  • Vermögende Leute haben zu Weihnachtszeit und Neujahr den Gebrauch, sich nach ihrer Art gütlich zu traktieren. Nach dem ordentlichen Essen trinken sie herum mit Wein, Meth oder gut Bier je nach Vermögen und zwar mit diesen Formalia:
    ‚Unsen Vader, unse Moder,
    unse Kinner unse Fründe gute Gesundheit.
    Gott gley unse Fründe und stüer unse Fiende.‘
    Dieser Gebrauch ist nunmehr fast abgekommen.
  • Es ist auch von altersher auf´m Lande diese Gewohnheit gewesen, dass die jungen Leute, Manns- und Frauenspersohnen des Sonntags nach der Predigt im Sommer auf dem Steinwall sich häufig versammelt und bey dem Spiel im Tantzen sich fleissig geübt. Im Winter haben sie in den Wirtshäusern solches verrichtet. Ob schon die Herren Prediger solches gern haben einstellen lassen wollen, so haben sie es nicht dahin haben bringen können, bis nunmehro durch Königl. Verboth solches abgeschafft worden.“

Eine andere Handschrift aus dieser Zeit schildert uns,

Treppenstraße. Grafik: Förderverein Museum Helgoland

„wie es hierselbst mit denen Hochzeiten gehalten wird: Des Tages vorher, ehe die Hochzeit ergehet, gehen Braut und Bräutigam herum auf´m Lande und invitieren selbst die Hochzeitsgäste. Am Hochzeitstage verfügt sich der Bräutigam mit seinem Gefolge eine Stunde vorhero, ehe die Beichtstunde angesetzt nach der Brauts Haus und essen, ehe sie zur Kirche gehen nach hiesigem Gebrauch ein sogenanntes Warmbier zusammen. Wann dies geschehen, so verfügen sie sich beide nach der Kirche und zwar die Braut gehet mit ihrem Gefolg von Frauenspersohnen vornean und der Bräutigam mit seinem Gefolg von Mannspersohnen folgt hinten nach und wenn sie beyderseits um die Kirche herumgegangen, gehen sie in die Kirche hinein. Sie müssen sich aber in der Kirche einfinden ehe der Prediger auf die Kantzel steiget sonsten sie nach der von dem hiesigen Gericht gemachten Verordnung 3 Rthlr. erlegen und um Weihnachten, wann Kirchenrechnung ist, solche bezahlen.

Nach der Bethstunde, wenn der Segen gesprochen und der gewöhnliche Vers ‚In allen meinen Thaten‘ gesungen wird, gehet der Bräutigam allein um den Altar und opfert das Opfergeld, nemlich 1 Spez. Rthlr. und wenn der Bräutigam auf seine Stelle vor dem Altar getreten, gehet die Braut auch nebst 2 Frauen mit ihr um den Altar und opfern gleichfalls. Die beyden Frauen bleyben auch während der Copulation hinter der Braut stehen und folgen ihr auch nach Haus. Der Bräutigam aber gehet allein nach Hause. Im übrigen werden die Bräute nicht wie auf´m festen Lande geschmückt, sondern sie werden hierselbst mit bloßen Haaren auf die Weise, wie die Frauenzimmer auf´m festen Lande ihre Haare aufzubinden pflegen, getraut, nur dass sie oben einige Zierraten von Bändern haben womit die Haare zusammengebunden. In der Hand haben sie ein gewisses Tuch, desgleichen der Bräutigam auch hat.

Der Bräutigam gehet nun alleine umher und hohlet die Gäste zur Mahlzeit. Der Speisen auf Hochzeiten sind gemeinlich geräucherter Kabeljau oder gesalzen Fisch und ihr Mehlbeutel, wie sie hier sagen, und Schinken. Das letzte Gericht ist ordinaire Grütze, womit die Tractamenten beschlossen. Wenn die Mahlzeit vorbei, so wird getantzet, aber hier unter freien Himmel. N.B. Diejenigen, welche die Aufwartung haben, welches alles Mannspersohnen sind, werden hierselbst nach der hiesigen Sprache ‚Leeders‘ genannt.“

Zechschulden können nicht vor Gericht eingeklagt werden

Der Autor dieser Hochzeitsbeschreibung hat taktvoll verschwiegen, dass bei diesen Festen auch fleißig getrunken wurde. Und leider nicht nur bei feierlichen Anlässen! Man versuchte, das Überhandnehmen des Schuldenmachens in den zahlreichen Krügen damit einzudämmen, dass am 29. Januar 1738 verordnet wurde, dass Zechschulden nicht vor Gericht eingeklagt werden können:

„Weil die Wirthe nur suchen, ihr Getränk los zu werden und die Gäste kein Rücksinnen gebrauchen, sich selbst samt Frau und Kindern den höchstnötigen Unterhalt auf eine verschwenderische Art recht muthwilligerweise auss den Händen und sich an den Bettelstab zu bringen, ist man nicht gewilligt, die Krüger in ihrer unzeitigen Gewinnsucht und die anderen in der Verschwendung darin zu stärken, dass solche gemachten Schulden durch richterliche Hülfe eingetrieben werden sollen.“

Auch in einem anderen Gewerbezweig hatte das „Anschreiben“ sicherlich schlimme Auswüchse angenommen. Es war hier der Bedarf an Schuhwerk, besonders an Seestiefeln, sehr bedeutend. Bargeld war jedoch knapp, und so wurde bei einem der vielen Schuhmacher Kredit in Anspruch genommen. Verweigerte der brave Handwerker weiteren Kredit, ging man zum nächsten. Das Gericht verfügte daraufhin auf Bitten der Schuhmacher, am 4. Juli 1739, dass kein Schuster einen neuen Kunden annehmen dürfe, ehe dieser ihm nicht nachgewiesen habe, dass er seinen bisherigen Lieferanten befriedigt habe. Diese „Schusterbeliebung“ erwies sich als so segensreich, dass sie noch wiederholt erneuert wurde. (Fortsetzung folgt)

(Gestaltung: Andreas Bubrowski)

  1. aus: Otto-Erwin Hornsmann, Geschichte und Geschichten der Insel Helgoland, Museum Helgoland, 2006, mit freundlicher Genehmigung des Autors

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