1. März 1952 – Helgoland ist endlich frei! Ein beispielloser Wiederaufbau beginnt

Fünfter und letzter Teil einer Serie von Erich-Nummel Krüss
zum 60. Jahrestag der Freigabe Helgolands

Das waren 1952 die Ersten. © Museum Helgoland

Das waren 1952 die Ersten. © Museum Helgoland

Immer noch suchte die Air Force ein Ersatzbombenziel für Helgoland. Mit dem Großen Knechtsand zwischen der Elbe- und Wesermündung meinte man dann, dieses Ziel gefunden zu haben. Am 1. März 1952 war es schließlich soweit, Helgoland war frei! Vorbereitungen waren schon vorher getroffen worden, und so begann das Wasser- und Schifffahrtsamt sich mit einem Wohnschiff und die Gemeinde Helgoland mit den Helgoländer Handwerkern im Keller des heutigen Bli Hüs einzurichten.

Das Wohnschiff, ein Ponton mit einer großen Holzbaracke

Da wir am 1. März die Freigabefeier des NWDR in Cuxhaven-Brockeswalde miter­leben wollten, bei der noch die alten Hamburger Sänger und Helgolandfreunde Arnold Risch und Bernhard Jackstadt mitwirkten, kamen wir erst, vollbepackt mit unseren Hummerkörben, am 3. März 1952 im Hafen auf der Insel an. Das Wohnschiff, ein Ponton mit einer großen Holzbaracke darauf, lag im Südhafen am Ostdamm. Nachdem wir unsere Hummerkörbe auf dem Gebiet „Norden“, zehn Seemeilen entfernt, ausgesetzt hatten, lagen wir über eine Woche am Wohnschiff, hinten neben der Kombüse, weil es fast ununterbrochen stürmte und schneite!

Abbildung: Museum Helgoland

Bewirtschaftet wurde das WSA-Wohnschiff von Franz Siemens, Koch war sein Sohn James „Simmi“ Siemens. Ferner waren dort beschäftigt: Harry Siemens, Werner Siemens II, Hilmar Lührs, Hermann Schier und Jonny „Slomper“ Boymann. Beim WSA waren außerdem unter anderen Max Franz und Arthur „de Grimm“ Lorenzen. Auch die Biologische Anstalt hatte schon aus List ihre Helgoländer Mitarbeiter geschickt. Da wir wegen des schlechten Wetters nicht zu unseren Körben konnten, hatten wir genug Muße, die ersten Anstrengungen des Wiederaufbaus mitzuerleben.

Auf dem Nordostgelände „hausten“ die Handwerker im feuchten Keller. Sie schufen mit einfachen Schaufeln und Spitzhacken die Voraussetzungen zur Errichtung der ersten Wohnbaracken für die nachfolgenden Arbeiter, indem sie die Kellerfundamente freiräumten. Nach und nach kamen Baracken, Räumgeräte, Lastwagen und mehr und mehr Arbeiter auf die Insel. Nur Frauen durften die Insel nicht betreten. Man watete im aufgewühlten Helgoländer roten Klei, Gummistiefel waren die einzig richtige Fußbekleidung. Die Inselversorgung war in den ersten Monaten bis zu Beginn der ersten Sommersaison am 12. Juli 1952 noch nicht geregelt.

Abbildung: Museum Helgoland

Das WSA hatte zwar ihren Tonnenleger Kpt. Meyer, der das Wohnschiff und die Leute im Südhafen versorgte, aber die Gemeinde Helgoland oder besser der kleine Anfang davon, wurde über Cuxhaven betreut. So kam es, dass die Fischer meistens diese Aufgabe mit übernahmen. Sie beförderten Proviant, die Post und sogar den einen oder anderen Fahrgast zur Insel. Am 12.Juli 1952 kam dann das erste Bäderschiff, die Bürgermeister Ross des HAPAG-HADAG-Seebäderdienstes, nach dem Krieg wieder zur Insel. Die Gemeinde hatte schon ihre ersten Boote, „Nr.1“, „Nr.2“ und im Herbst auch „Nr.3“ bauen lassen, auch andere Boote, wie unsere Eta-Elisabeth waren wieder bereit für den Fahrgastverkehr.

Der Rudolf, das erste Schiff der Reederei Eils, der in all den Aufbaujahren treu und verläßlich den Winterverkehr mit Cuxhaven aufrecht erhielt, kam von Norderney, die Arngast ein ehemaliges Schnellboot aus Wilhelmshaven, die Hansa VI so etwas ähnliches wie ein Schnellboot kam aus Bremerhaven, und der HAPAG-Dampfer Kehrwieder lief die Insel auf seinem Weg nach Hörnum an.

Abbildung: Museum Helgoland

Es wurde auf die Düne ausgebootet. Dort gab es inzwischen ein paar kleine Verkaufsstände, in denen zollfreie Waren angeboten wurden. So waren die Fischer dann während der Hummerschonzeit fest in der Dampferbörte beschäftigt. Die Fischer gingen hauptsächlich natürlich ihrem Haupterwerb, dem Hummerfang nach, aber bei Schlechtwettertagen, und hinein zum Winter wurde immer mehr die Arbeit an Land gesucht. Es mussten die Frachtschiffe gelöscht werden, die Jul ex Seefalke vormals Keiken und Oelrichs, nahm über einen kleinen Umweg nach Wyk auf Föhr den Stückgutverkehr nach Helgoland auf, Die Ernst-August und die Sathurn und andere brachten Zement und Steine, es gab also vollauf Beschäftigung für die Wasserkante.

Die Aufräumungsarbeiten mussten fortwährend unterbrochen werden, damit die vielen Blindgänger entschärft werden konnten, die gefunden wurden. Zum Schutz der Arbeiter wurden hohe Wände aus Strohballen errichtet und zeitweise war es nicht möglich, zu Fuß vom Südhafen zum Nord-Ost Gelände zu kommen, dies ging dann nur mit einem Boot. Im Südhafenbereich entstand ein Barackenlager mit Kantine, das Wohnschiff wurde überflüssig und auf dem Nord-Ost Gelände entstand eine Barackensiedlung mit den Arbeiterbaracken und dem legenderen „Bullenkloster“ in dem die verdienten Männer der „ersten Stunde“, die Handwerker, wohnten.

Vater (re.) und Cousin des Verfassers reparieren ihre Hummerkörbe. © Museum Helgoland

Vater (re.) und Cousin des Verfassers reparieren ihre Hummerkörbe. © Museum Helgoland

Die Gemeindeverwaltung hatte ihre eigene Baracke und die ersten Krankenräume gab es im Bli Hüs. Die Küche des ehemaligen Wirtschaftsgebäudes wurde die Nordostkantine. Abwechselnd mit der Südkantine wurden von „Kino-Willem“, Wilhelm Jürgens, hier dann auch schon mal Filme gezeigt. Im Mai 1953 konnte mit dem Bau der Versuchshäuser in der Bremer Straße begonnen werden, und die Neue Treppe, die vierte in ihrer Geschichte, wurde fertig.

1954 wurden die ersten Helgoländer rückgeführt. Sie zogen in die Häuser in der Bremer Straße ein. Bevor der Binnenhafen fertig war und die Hummerbuden entstanden, in denen die Fischer bis zur Fertigstellung ihrer Häuser provisorisch wohnten, wurde auf dem Südhafengelände eine Baracke aufgestellt, in der die Fischer einen Raum hatten, in dem sie mit ihren Frauen wohnen konnten. Man nannte sie die „Groonerbude“! Sie hatten auch Grund zum „Groonen“, das heißt zum Stöhnen, denn der Hummerfang ging drastisch zurück. Das war auch für mich der Anlass, nach sieben Jahren Fischerei mit Vater und Cousin dieser Tätigkeit den Rücken zu kehren und auf „Große Fahrt“ zu gehen.

Artikel zur Serie

  1. Helgoland ist frei – Neubeginn mit der Hummerfischerei (22.02.2012)
  2. Leben und Überleben Dank Hummerfischerei vor Helgoland (27.02.2012)
  3. Helgoländer Hummer gegen dänische Kronen (04.03.2012)
  4. Für Helgoländer Fischer kehrte 1948 bis 1950 der Krieg kurzzeitig zurück (09.04.2012)
  5. 1. März 1952 - Helgoland ist endlich frei! Ein beispielloser Wiederaufbau beginnt (20.05.2012)

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