Peter Andresen Oelrichs (1781-1869)

Serie: Helgoländer Biografien (nach Friedrich Oetker)

Friedrich Oetker (1809-1881), Publizist und Verfasser der Biografie von Peter Andresen Oelrichs. Abb. gemeinfrei

Friedrich Oetker (1809-1881), Publizist und Verfasser der Biografie von Peter Andresen Oelrichs. Abb. gemeinfrei

Ein gar gemütlicher Alter, mit schneeweißem Haupt, voll heiterer Munterkeit, ist Peter Andresen Oelrichs, 1781 auf Helgoland geboren1. Er hat sein Jugendleben und seine späteren Fahrten selbst beschrieben und zwar in holländischer Sprache, die sich zu dem gemächlichen und behäbigen Wesen des Mannes ungemein schickt. Sein (Ur?)-Großvater war ein geborener Husumer, brachte es aber doch auf Helgoland bis zum Ratmann. Von seinem Vater weiß er nur wenig zu erzählen, ist jedoch stellig overtuigt, dat hij gedurende zijn leeftijd geene moeite heeft gespaard, zijn dagelijksch brood med visschen en loodsen te verdienen.

Von der Mutter, die einen kleinen Kram führte, redete er mit besonderer Liebe. Sie musste ihn einst nach dem Festlande mitnehmen. Da gefiel ihm dort die Kleidung, de kleeding der bewoners van het vaste land, sehr, und als ihn später ein Schiffskapitän mit aufs Schiff nahm und in der Kajüte so gebietend dastand, da dachte er: zulk een kapitein will ik ook worden.

Der Kleine nahm sich vor, da nicht zu bleiben

Zu jener Zeit hatten auf seinem Heimat=eilandje omtrent twintig van de voornaamsten noch jeder eine Kuh; allein der Kleine nahm sich vor, da nicht zu bleiben. Im sechszehnten Jahre drang er seinen Eltern die Erlaubnis ab, nach Hamburg gehen und dort sein Glück versuchen zu dürfen. Gekleidet wie ein junger Matrose – wobei er nicht zu bemerken vergisst, dass ihm die blaue Tuchhose zeer goed paste – suchte er das Haus auf, wo sich die meisten Kapitäne zu versammeln pflegten und bot sich an. Einer fragte ihn, ob er schon zur See gewesen sei? Ja, sederet dat ik zoo hoog was – ja, seit ich so groß war – twee voeten van de grond. Nun musste er erzählen. Am andern Tag sollte er zu dem Kapitän kommen; er meldete sich mutig: goede morgen, kapitein! und ward Kajütjunge.

Vor allen Dingen kletterte er nun bis in die oberste Mastspitze du sah sich um; aber der Steuermann schalt darob, und es hieß: Hier achter moet gij blijven; Hier hebt gij een veger! Damit erhielt er Anweisung zum Kehren und Scheuern und fuhr dann bald mit nach London. O wat een lange reis war dat! Auf der Rückreise nahm man bei Helgoland einen Lotsen ein. Leider war sein Vater nicht im Boot; aber es waren doch alle vriendelijke gezigten. Bald fuhr er abermals nach London; dann als Leichtmatrose weiter und weiter: nach Charlestown, in den Golf von Mexiko, und wie sonst die Bestimmung des Schiffes lautete.

Im Jahre 1802 war er wieder in England, geriet in Gefangenschaft, entging kaum der Matrosenpresse und lernte bei dem alten Momsen bei Husum die Steuermannskunst. Da wurde er bei dem Helgoländer Schiffskapitän Nikolaus Peter Krohn, der eine bewaffnete Kauffahrteifregatte befehligte, dritter Steuermann auf einer Reise nach Isle-de-France. Die ausfahrt verzögerte sich ziemlich lange. Als aber die englischen Wachtschiffe bei einem harten Sturme die Masten verloren, eilte alles davon. Um 1811 wurde Oelrichs Kapitän eines Kauffahrers nach Malaga; später fuhr er ein russisches Schiff nach Amsterdam. 1816 war er Obersteuermann eines holländischen Transportschiffes nach Ostindien, wobei er Schiff und Menschen aus einer schweren Gefahr rettete, indem er gegen den Befehl des Kapitäns steuerte. Darauf wurde er selbst Kapitän dieses Schiffes und führte es drei Jahre lang.

Helgoland – Symbolbild. Foto: Franz Schensky © Museum Helgoland

Im Oktober 1820 fuhr er wieder als Obersteuermann nach Batavia. Dann trat er dort als Buchhalter und Aufseher in den Dienst der Regierung. Er hatte sich in Holland verheiratet und ließ Frau und Kinder nachkommen. Aber alle starben bis auf eine Tochter, die in Batavia verheiratet ist und bis auf einen Sohn, der in Samarang lebt und dem alten Papa zuweilen Thee und Cigarren schickt. Eine zweite Frau starb ihm 1834 ohne Kinder. Zwei Jahre später erhielt er wegen Kränklichkeit einen längeren Urlaub und sah sein Heimat=eilandje wieder. Hier gefiel es ihm jetzt so wohl, dass er um Pensionierung nachsuchte, ein nominelles Ruhegehalt von 630 Gulden, ein reeles von 178 Gulden und 78 Cents erhielt und sich zum dritten Male verheiratete. Seine junge Frau schenkte ihm mehrere Kinder, die mir im Sommer 1846 Kusshändchen bringen mussten, als mir der vergnügte Alte in weißer Pikejacke im sonnendurchleuchteten Sonntagszimmer seine Fahrten erzählte. Er hielt sie in strenger, fast harter Zucht.

Er hatte draußen an der Kartoffelallee eine Kegelbahn. Auch einen Mäßigkeits­verein hatte er gestiftet, kam aber bald in die ironische Lage, dass er Getränke, die er anfeindete, selbst feilhalten musste. In den Mußestunden schrieb und zeichnete er und hat namentlich ein kleines Deutsch-englich-holländisch-helgoländisches Wörterverzeichnis drucken lassen. Er ist auch Freimaurer. Vor einigen Jahren ist er nach Holland übergesiedelt, um sein volles Ruhegehalt zu beziehen, und soll dort, zum vierten Male verheiratet, ein behagliches Leben gemächlich weiterzuführen.

(enk/abu)

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  1. 26. Februar 1781 bis 18. Juni 1869

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